Im Jahr 1522, nur fünf Jahre nachdem Martin Luther seine Thesen veröffentlichte, berief der Stadtrat von Neuenburg am Rhein den ehemaligen Karthäusermönch Otto von Brunfels als Prediger der neuen Lehre. Er zog ins Franziskanerkloster ein, dessen Mönche bereits eine starke Neigung zur Reformation und zu einem freieren Weltleben zeigten. Auch Dr. Sebastian Meyer, ein aus Neuenburg stammender Franziskaner, wurde durch seine reformatorischen Schriften weithin bekannt.
Bereits zwei Jahre später musste Otto von Brunfels die Stadt wieder verlassen – auf Verlangen benachbarter österreichischer Städte wie Breisach und Freiburg. Kurz darauf erließ die vorderösterreichische Regierung ein scharfes Edikt, das jegliche Ausübung der neuen Lehre unter Strafe stellte. Die Reformation in Neuenburg kam zum Erliegen. Die Stadt blieb beim katholischen Bekenntnis.
Erst vier Jahrhunderte später wagte die evangelische Gemeinde in Neuenburg einen neuen Anfang. 1925 rief die kleine Diasporagemeinde zu Spenden für den Bau eines eigenen Kirchleins auf. In einem Schreiben an den Oberkirchenrat schilderte sie die schwierigen Zustände für den Gottesdienst – diese würden keinesfalls dazu beitragen, den Besuch zu fördern.
Am 13. Juli 1927 bewilligte der Evangelische Oberkirchenrat einen Zuschuss von 2000 Reichsmark für den Kirchenbau. Zudem wurde eine landesweite Kollekte angekündigt. Noch im selben Jahr konnte ein Baugrundstück von den Eheleuten Erhard und Anna Rueb erworben werden. Dank aller Spenden standen schließlich rund 16.300 RM zur Verfügung, und der Weg für den Baubeginn war frei.
Am 10. November 1929 – dem 447. Geburtstag Martin Luthers – wurde der Grundstein der neuen Kirche gelegt. Der Entwurf stammte vom Freiburger Architekten Dipl. Ing. B. Wildmann. Die künstlerische Gestaltung übernahm der Bildhauer und Maler Karl Josef Fortwängler aus Triberg, auch bekannt als „Schnitzersepp“.
Am 14. Juni 1930 berichteten die Markgräfler Nachrichten feierlich über das neue Gotteshaus, das zwischen reifendem Korn und grünen Matten emporgewachsen war. Einen Tag später, am 15. Juni 1930, wurde die Kirche offiziell eingeweiht. Fortwänglers künstlerische Werke – darunter Steinreliefs, Altar und die markante Kanzel – prägen die Kirche bis heute. Seine Ölbilder sind leider verschollen. Der Künstler selbst äußerte sich kritisch zur damaligen Geisteshaltung und beschrieb sein Werk als bewussten Ausdruck im Angesicht einer sich zuspitzenden Zeit.
Zehn Jahre nach der Einweihung, in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1940, fiel Neuenburg im Zweiten Weltkrieg einem verheerenden Bombenangriff zum Opfer. Der „Vulkan“, von dem Fortwängler 1930 gesprochen hatte, war ausgebrochen. Doch eines der wenigen Gebäude, das diesen Feuersturm nahezu unversehrt überstand, war die evangelische Kirche – ein stilles, aber kraftvolles Zeichen von Bewahrung in dunkler Zeit.
(Winfried Studer, Stadtarchiv)
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